Im Interview: Fassette Initiator, Sebastian Ugowski
Ein szenarisches Multitalent avanciert zw. Peosie, Film, Musik & Publizismus
17 Okt. 09 | Autor: Sarah Bies:Mehrere Fassette-Autoren haben zum Teil auch kritische Fragen für das folgende Interview mit Fassette-Gründer Sebastian Ugowski formuliert. Sarah Bies, ebenfalls Autorin dieses Online-Magazins, hat die Fragen und seine Antworten hier für Euch zusammen gestellt.
Sebastian Ugowski – Autor, Filmemacher, Musikproduzent, lebt in Berlin – 35 Jahre alt. Während er Theaterstücke, Filmskripte, philosophische Abhandlungen und Lyrik schrieb und als Schauspieler bei Kollegen wie Schlöndorff vor der Kamera stand oder sich als Singer/Songwriter in den englischen Charts etablierte, sorgte er zeitgleich mit seiner Talentschmiede Slo’ Jam unter dem Pseudonym Gilmano in Musikbranchenkreisen als künstlerischer Direktor/Produzent/Komponist für Aufsehen und konnte international große Erfolge verzeichnen. Ugowski lebte zwischenzeitig in den USA und Großbritannien und gilt bei Schwerpunkt Schrift, bewegtes Bild und Ton als szenarisches Multitalent. ‘73 in Berlin geboren, begann das alles bereits mit 4 Jahren. Heute beschäftig er sich intensiv auf publizistischer, szenarischer, filmischer und musikalischer Ebene mit politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Zur Zeit arbeitet er (Buch/Regie) an der Literaturverfilmung von “Die Farben des Regenbogens”.
Fassette: Das letzte Interview, was ich von Dir las, wurde geführt von einem Journalisten aus der Hip Hop-Presse. Wenn man nach dir ‘googelt’, stellt man auch schnell fest, dass du auf verschiedenen Gebieten Aufmerksamkeit auf Dich ziehst. Ich treffe auf Dich als Filmemacher, als Musikproduzent, als Autor, als auch auf jemanden der selbst auf der Bühne stand und vielleicht noch steht? Doch irgendwie hat man den Eindruck dass du als Person die Presse meidest. Wie kommt man dann auf die Idee, als Filmemacher und Musikproduzent ein Magazin zu gründen?
Sebastian Ugowski: Noch stehe… (lacht).
Fassette: Also auf der Bühne.
Sebastian Ugowski: Ja – aber erst einmal muss ich intervenieren, dass ich nicht zu der Art von Persönlichkeiten gehöre, die irgendwann als zweites Standbein anfangen zu malen – sinnbildlich gesprochen -, sondern dass ich über das Schreiben zu all den Formen der Inszenierung gekommen bin. Nicht umgekehrt.
Fassette: Verstehe, aber wie kommt man vom Schreiben dazu, einen russischen Hip Hop-Star international zu vermarkten?
Sebastian Ugowski: Ich habe 15 Jahre gebraucht, um mich von dem Gedanken zu emanzipieren, dass das eine das andere auslöscht. Heute weiß ich, dass all die Dinge, die ich mache, sich einander bedingen, dass das eine beim anderen eine Lücke schließt, um wirklich allumfassend inszenieren und letztendlich auch schreiben zu können.
Fassette: Aber Fassette ist ja keine Prosa.
Sebastian Ugowski: Nun, aber ich erlaube mir gelegentlich einen prosaischen Stil. Andere Autoren auf Fassette haben vielleicht einen eher journalistischen Stil.
Fassette: Wie kam dir die Idee für das Magazin Fassette?
Sebastian Ugowski: Der von Journalisten oder Printmedien ja so gefürchtete Blog-Trend – der kein Trend, sondern für mich eher ein Aufflackern ist – wird nicht bekämpft oder kopiert, sondern nicht unkritisch aufgegriffen, also die auslösende Motivation durch Diskurs konsequent weitergeführt und optimiert. Vor- und Nachteile wurden untersucht und gefiltert und für eine optimale neue Form einer Leselektüre angepasst. Nicht mehr der Publizist und sein alleiniger Standpunkt, sondern das Thema werden zum Mittelpunkt. Genaueres kann man hier unter dem Link “Die Idee” nachlesen. Inhaltlich fehlt mir in Tageszeitungen außer der Mehrdimensionalität auch eine gesunde Opposition.
Fassette: Opposition?
Sebastian Ugowski: Ja, Systemkritik muss ja nicht immer zwangsläufig politisch in eine bestimmte Richtung gefärbt sein, sondern kann einfach hinterfragend sein. Das regt das Nachdenken an und unter Umständen kann es bestehende Systeme sogar bestärken, weil die Antworten auf die Fragen ein System eher unterstützen als demontieren, Zweifel ausräumen. Ohne Hinterfragen gibt es keine Demokratie.
Fassette: Mit System meinst du unsere Gesellschaftsordnung?
Sebastian Ugowski: Mit System meine ich jegliche Form von Konzept im methaphorischen Sinne. Meinetwegen auch das Gesellschaftssystem oder eine Bewegung oder ein Mediensystem z.B., oder eine Firmenstruktur oder Denkweise. Kritik an solchen Dingen, die versucht sachlich zu sein und mehrere Fassetten zulässt, ist wichtig und wird heutzutage immer leiser …
Fassette: Warum bist du bei deiner Motivation nicht in die Politik gegangen?
Sebastian Ugowski: Weil es sich im Moment so anfühlt, als ob ich von dort aus nichts bewegen kann …
Fassette: Wie recherchierst du deine Artikel?
Sebastian Ugowski: Wir adoptieren keine Meinungen oder Infoquellen. Das ist kein Garant. Ich recherchiere, indem ich meinen Kopf einschalte. Wir sind kein News-Portal, sondern ein Diskussionspodium, wo Gedanken in die Runde geworfen werden. Hier werden harte und kritische Fragen gestellt und dürfen gestellt werden! Ich recherchiere, indem ich hier schreibe und Antworten bekomme. Aber News-Junkies, die ihre unreflektierten Skandale zum Frühstück brauchen, empfehle ich eher Tageszeitungen, die haben ja auch Online-Portale.
Fassette: Damit würdest du dich aber als nicht sachkundig bezeichnen.
Sebastian Ugowski: Nein. Aber wer von sich wirklich im Ernst behauptet, die politische Welt zu durchblicken, fährt die Titanic im Nebel gegen den Eisblock. Wer aktiv Demokratie anwenden will, darf keine Angst vor falschen Aussagen oder dummen Fragen haben, sondern nur vor Unausgesprochenem. Journalistische Sorgfaltspflicht natürlich als Anstandsdame.
Fassette: Das sind zwei Aussagen, die schwer miteinander vereinbar sind, oder?
Sebastian Ugowski: Welche Aussagen meinst du?
Fassette: Den Mut, falsche Thesen aufzustellen und die journalistische Sorgfaltspflicht könnten widersprüchlich erscheinen.
Sebastian Ugowski: Dann habe ich mich unklar ausgedrückt: Mut zu falschen Thesen habe ich vielleicht, wenn ich ein Theaterstück schreibe, aber nicht, wenn ich ein Artikel auf Fassette veröffentliche. Ich meinte eher damit den Umkehrschluss, dass wenn man jedes mal aus Angst vor möglichen Falschaussagen oder dass man jemandem versehentlich oder zu Unrecht auf die Füße tritt, den Artikel so entschärft und verwässert, dass er im Endeffekt nichts mehr aussagt und nur noch zitiert und kommentiert. Ich brauche in der Zeitung nicht noch einmal lesen, was ich am Vorabend schon im Originalton von Frau Merkel vernommen habe, sondern wünsche mir, dass der Journalist oder Publizist sich Gedanken macht und sich traut, laut darüber nachzudenken, was das für Konsequenzen haben könnte, was Frau Merkel da gesagt hat. Natürlich immer mit dem Hinweis, dass es eine von vielen Möglichkeiten ist. Eine von vielen Fassetten.
Fassette: Warum gibt es dann hier einen Link zu Christoph Schlingensief? Er wird ja nicht gerade für seine journalistische Sorgfaltspflicht gelobt.
Sebastian Ugowski: Weil er umstritten ist. Ich mag umstrittene Dinge. Sie reinigen den Kopf und lassen uns auf Dinge ein zweites Mal blicken als wäre es das erste Mal. Es hat dieses gewisse aufklärerische Element ohne Richtigkeitsanspruch, verknüpft mit der Bitte um Diskussion. Das funktioniert so Eins zu Eins natürlich nicht für ein informierendes Magazin, auch wenn es den Diskurs als Schwerpunkt hat.
Fassette: Inwiefern spielt der Anspruch auf Aufklärung eine Rolle in deiner künstlerischen Arbeit, also außerhalb von Fassette? Also auch die Motivation, auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen, oder gesellschaftliche Phänomene kritisch zu hinterfragen.
Sebastian Ugowski: So gefragt, keine. Gesellschaftskritische Themen spielen eine wesentliche Rolle in meiner Arbeit – ich möchte sie nicht künstlerisch nennen -, aber gegen das Wort Aufklärung so losgelöst als alleinige Motivation würde ich mich verwehren. Alles, was ich mache, ist im weitesten Sinne eher eine Fragestellung und kann aufklärerisch wirken, muss es aber nicht. So meinte ich das auch im Bezug auf Schlingensief. Da dürfen wir Motivation und Nutzen nicht verwechseln. So wie andere beurteilen müssen, ob meine Arbeit künstlerisch ist, so kann es sein, dass eine meiner Fragen aus Sicht Anderer der Aufklärung dient, aber meine Motivation ist die eines Kindes, das “Warum?” fragt und eine ehrliche Antwort möchte.
Fassette: Hast du schon mal Antworten auf deine Warum-Fragen erhalten?
Sebastian Ugowski: Ja, und erwarteter Weise oft von meinen größten Kritikern.
Fassette: Du hast eben von Kritikern gesprochen. Wo begegnen dir Kritiker? Meinst du, es gibt Reflektionen von dir, die das Potenzial haben, häufig kritisiert zu werden? Weil sie z.B. mit einem gesellschaftlichen Common Sense brechen, oder etwas ausdrücken, was nicht gerne gehört wird? Anders gefragt: Wo bist du Lesern oder Zuschauern oder Rezipienten im weitesten Sinne unbequem?
Sebastian Ugowski: Du schmeichelst mir. Kann ich genau sagen: Wir leben in einer Slogan-Kultur von Werbesprüchen und Postkartenphilosophie, in einem Wettbewerb von Marketing-Strategen bis in die hohe Literatur, wo es leider nur noch darum geht, wer kann mit den wenigsten Worten am meisten Spannung erzeugen. An diesem Wettbewerb beteilige ich mich nicht, Dinge müssen auch mal mit der selben Komplexität angesprochen werden, wie sie beschaffen sind. Aber da spreche ich dir ja aus der Seele, wenn ich an deinen Artikel “Die Gefahr der Vereinseitigung” denke, nicht wahr?
Fassette: Toll, ich dachte, ich führe das Interview.
Sebastian Ugowski: Das tust du auch, manchen deiner Fragen würde ich gerne aus dem Weg gehen.
Fassette: Zurück zur Komplexität. Bei welchen Themen im aktuellen Mediendiskurs siehst du momentan die Gefahr der Einsparung von wesentlichen Informationen, Hintergründen oder Sachverhalten – wenn ich dich richtig verstehe?
Sebastian Ugowski: (nach einer längeren Pause) Da es viele gibt, versuche ich den Rahmen nicht zu sprengen, möchte mich auf ein Beispiel konzentrieren, um deine Frage zu beantworten: Spontan fiel mir bei deiner Frage ein, wie man in einer Nachrichtensendung im Zusammenhang mit dem Afghanistan-Konflikt Peter Scholl-Latour in einer Fernsehkonferenz zu Rate zog. Als dieser versuchte, darüber wo das eigentliche Problem liege weiter auszuholen, fernab von den gängigen Schlagzeilen zu dem Thema, vermutlich aus Zeitmangel vom Moderator unterbrochen wurde. Ich ertappte mich bei dem Wunschgedanken, ich hätte in diesem 15minütigen Beitrag lieber die ganze Zeit Peter Scholl-Latour als denn dem Moderator zuhören können.
Fassette: Also befinden wir uns auf dem Weg in eine Yellow-Press-Gesellschaft?
Sebastian Ugowski: Da bist du aber sehr optimistisch, denn da sind wir bereits längst. Und ich bin mir sicher, dass aufgrund der Länge des Interviews nur die Hälfte der Leser bis zu diesem Punkt hier vorgedrungen ist.
Fassette: Gut, da wir aber eine andere Leserschaft ansprechen wollen, kann ich ohne schlechtes Gewissen fortfahren. Um mal konstruktiv zu sein: Siehst du einen Ausweg aus diesem Zustand?
Sebastian Ugowski: Aus dem Zustand, den du mit Yellow-Press umschrieben hast?
Fassette: Ja, ich meine die Tendenz, Informationen aus Leser-und Zielgruppengründen so zu reduzieren, dass sie überhaupt noch wahrgenommen werden, wie du sagtest.
Sebastian Ugowski: Du hast schon einen wichtigen Teilaspekt in deiner Fragestellung als Antwort enthalten. Es wird ja derzeit stark über die Tendenz der vereinfachten Slogans im politischen Wahlkampf diskutiert. Wir müssen hier stark unterscheiden zwischen marketingtechnischen Problemen und Konflikten gegenüber dem Inhalt bei seiner Kommunikation. Marketing an sich, mit seiner Zielsetzung und Motivation, steht bei unserer Fragestellung auf einem ziemlich verlorenem Posten und kann somit unsere Fragen in ihrer Komplexität von Problemen nicht alleine beantworten. Somit ist der Angriff auf Wahlkampf-Marketing allein unkonstruktiv. Spannender finde ich die Frage, ob, wenn ich das Parteiprogramm lese, sich die Zielgruppe darin wiederfindet, die von dem Wahlkampf-Slogan angelockt wurde. Da kommt Marketing konstruktiv ins Spiel. Einigen wir uns auf eine Symbiose von Überschriften und Inhalten. Diese Auseinandersetzung müssen wir ja auf Fassette auch aushalten. Somit stehe ich nicht im Wettbewerb der kurzen Slogans, weil wenn ich zu vereinfachte Überschriften verwende, locke ich Leser an, denen meine Ausführungen vielleicht zu langwierig sind. Nur mal als vereinfachtes Beispiel genannt. Deswegen haben wir die zweite Überschrift eingeführt. Online-Portale haben so etwas aufgrund der Beschaffenheit der Webprogrammierung nicht. Bei Tageszeitungen jedoch ist es nicht unüblich. Und das aus gutem Grund. Also kann ich am Ende für mich resümieren: Nicht breite Masse mit kurzen Slogans sollte mein Ziel sein, sondern die Komplexität meiner Ausführungen sollte in den Überschriften erkennbar sein. Vielleicht unterstelle ich einigen “Marketing-Strategen”, dass sie im Wettbewerb um eine breite Zielgruppe teilnehmen, und damit die Komplexität ihres Anliegens verleugnen oder gar Gefahr laufen, ihr Anliegen nachhaltig zu vereinfachen. Andererseits sollten komplexe Themen nicht nur Rezipienten zugänglich sein, die eine offene Bereitschaft dafür vor sich her tragen.
Fassette: Welchen Marketing-Strategen unterstellst du diese unsachgemäße Vereinfachung?
Sebastian Ugowski: Diese Frage kann ich nicht beantworten, ohne zu erwähnen, dass ich ungern mit dem Finger auf jemanden zeige, weil Ursachenforschung für mich vor Meinungsbildung geht. Aber ich will mich jetzt nicht diplomatisch raus reden. Du zwingst mich jetzt dazu, TV-Nachrichten sowie Tageszeitungen zu erwähnen, obgleich ich weiß, dass diese eine sehr breite Zielgruppe erfassen müssen. Auch habe ich in meiner Ausführung den Aspekt der Verantwortung vorhin nicht direkt mit eingeflochten, und diese splittet sich in die Verantwortung, dass Nachrichten ankommen müssen, und dass Nachrichten aber auch detailliert richtig verstanden werden müssen. Aber ich stehe dazu, wenn ich sage, dass die heutige Berichterstattung viele wichtige zu berücksichtigende Aspekte bei ihren Themen außer Acht lässt und mir zu wenig nachfragt oder das Bedürfnis der Rezipienten auf ‘Überlegungen nach den News’ zu wenig eingeht. Deswegen haben Verschwörungstheoretiker auch Hochkonjunktur. Sie schließen eine Lücke, die eigentlich lieber von sachkundigen Journalisten geschlossen werden sollte, damit die Rattenfänger mit ihren Verschwörungstheorien die politisch motivierte Minderheit unserer Bevölkerung nicht endgültig demotiviert. Ich wünschte, man würde hier ähnlich wie bei manchen Filmen mehr mit mehreren Dimensionen des Inhalts und der Verständlichkeit experimentieren. Da reicht es nicht aus, dass man als Journalist im Interview so tut, als stelle man hier und da eine kritische Frage, wenn ich als Zuhörer merke, dass der Journalist nicht hundertprozentig drin ist im Gespräch oder die offensichtlichen Fragen zur Person nicht gestellt wurden. Der Journalist muss sich klar darüber sein, dass er in dem Moment das Sprachrohr oder besser gesagt das ‘Fragerohr’ des Zuhörers ist, sonst werden die Fragen woanders gestellt.
Fassette: Das heißt, du stehst im Konflikt zwischen dem Verständnis für die Vereinfachung, die die Berichterstatter vornehmen und dem Anspruch auf journalistische Sorgfaltspflicht, den du gegenüber den Medien hast?
Sebastian Ugowski: Nicht ganz. Die beiden Dinge widersprechen sich nicht unbedingt. Obgleich du Recht damit hast, wenn du befürchtest, dass die journalistische Sorgfaltspflicht unter der Vereinfachung in der Berichterstattung leiden könnte. An diesem Punkt würde ich gern auf eine Essay hinweisen mit dem Titel: “Alles eine Frage der Interpretation”, in der ich detailliert auf die Hürden unserer zwischenmenschlichen Kommunikation eingehe.
Fassette: Werbung?
Sebastian Ugowski: Nein, sondern lediglich wieder einmal der Hinweis darauf, dass ein Thema in der Kürze nicht abgeschlossen werden kann.
(beide lachen)
Fassette: Wo siedelst du dich politisch selbst an?
Sebastian Ugowski: Alle Etiketten und Bezeichnungen sind belegt, oft mit falschen Zuordnungen. Ich will und kann mich nicht einer dieser Etiketten unterordnen, will mich aber auch nicht mit einem künstlerischen Freigeist rausreden. Aber da keine der Fahnen, die geschwenkt werden, sich wirklich aufrichtig erklären, werde ich auch unter keiner dieser Fahnen reiten.
Fassette: Ok, dann frag ich anders: Wie wurdest du politisch sozialisiert? Also wo und wie oder wann wurdest du politisch geprägt?
Sebastian Ugowski: Solche Fragen wollen eine Enge, in der ich mich nicht bewegen kann. Ich kann, um nicht wieder diplomatisch herausredend zu wirken, höchsten ein paar von vielen Eckmarkern hervorheben. Da wären die Wende, also der Mauerfall, die Atomrüstung, die Abrüstung, der Kalte Krieg und seine Opfer, diverse Kriege genau genommen, wie auch der Irak-Krieg, die Überlieferung des Zweiten Weltkrieges, die Bilder aus den Archiven über die Kolonialzeit, sowie mein eigener innerer Wertediskurs und eine Millionen andere Dinge zu nennen. Vielleicht noch persönliche Eindrücke, wie wenn man in England als Deutscher mit dem Hitlergruß begrüßt wird, oder erleben muss, wie im eigenen Land Asylantenheime in Brand gesteckt werden, während andere mit dem Finger darauf zeigen, doch vor ihrer Haustür das selbe passiert. Ich weiß nicht, wo ich da aufhören soll. Zumindest ist die Prägung nie einseitig gewesen. Ich könnte resümierend sagen, dass ich das Glück hatte, von fast allem immer mehrere Seiten betrachten zu können.
Fassette: Deine Antworten klingen gar nicht nach einer engen Fragestellung und ich wollte dich nicht dazu nötigen, biographieträchtige Eckmarker zur politischen Profilbestimmung zu benennen.
Sebastian Ugowski: Kannst du auch gar nicht, weil ich an keinem politischen Profil arbeite. Dieses einzuhalten wäre mir ebenso zuwider wie die Verfechtung einer Idee, die ich nicht durchschaue oder aus der ich heraus gewachsen bin. Aber so wie mein Leben hat auch meine Arbeit viele Fassetten. Und Politik sollte keine Standpunkt-Definition sein, sondern die Annäherung, um die gemeinsamen Interessen zu erörtern.
Faseette: Da hast du vollkommen recht. Ich spreche diesen Punkt des Profils nur explizit an, weil wir beide wissen, dass das Gesagte einer Interpretation der Leserschaft offen steht.
Sebastian Ugowski: Die Interpretation ist nicht meine Sorge. Der Missbrauch meiner Aussagen ist es eher.
Fassette: Welche Tageszeitung denkst du, kommt deinem Ideal einer Tageszeitung am nächsten?
Sebastian Ugowski: Die Zeitungslandschaft sollte im Idealfall wie jede – auch die politische – Landschaft, vielfältig sein, insofern kann ich die Frage nicht mit einer Zeitung, die ich aufzähle, beantworten. Ein Ideal einer Tageszeitung gibt es nicht, also auch Fassette ist eine von vielen Ideen und das ist ja das Schöne an dem demokratischen Versuch – wie ich ihn immer nenne – zu leben, dass man verschiedene Konzepte diskutieren kann.
Fassette: Um mal von dem Ideal einer Tageszeitung weg zu kommen: Welche gesellschaftlichen Funktionen sollte eine Tageszeitung erfüllen?
Sebastian Ugowski: Also die gesellschaftliche Funktion einer Tageszeitung erklärt ja der Begriff schon. Es spiegelt den Tag wider. Und in der heutigen Zeit sollte eine Tageszeitung bemüht sein, sachlich und umfangreich widerzuspiegeln, was an diesem Tag – wie das Wort Tageszeitung schon sagt – im Land und im Ausland passiert ist. So gesehen, gestehe ich vielleicht nachträglich gegenüber deiner Frage des Ideals doch ein, dass es schon für mich so etwas wie Wünsche für Tageszeitungen gibt. Ich hab das auch in einem unserer Artikel schon einmal benannt: Nämlich dass man nicht immer das Gefühl haben muss, man befindet sich in einer Grund-Schule, und in den Klassenräumen gibt es dann jedes Jahr so seine sich wiederholenden von Schülern eingeritzten Sprüche auf den Schulbänken oder mit Edding an den Wänden der Toilettenräume. Jedes Jahr hat so seine Sprüche, seine Slogans, und die tauchen dann in jeder Tageszeitung wie so ein übernommenes Schlagwort auf und werden einfach so im Pingpong-Verfahren weitergereicht. Es gibt irgendwann so einen Moment in der Tagespresse, wo mir dann der Verdacht aufkommt: Es wird nicht mehr sachlich recherchiert, es werden keine Auslandskorrespondenten mehr ausgebildet, es wird im Inland mehr auf Dienstwagenaffären als auf politische Programme eingegangen, der Experte kommt nur noch 30 Sekunden lang zu Wort, weil wir mehr Platz für viele kurze Slogans brauchen, oder: Der Fokus ist jetzt der Irak-Krieg, und der bleibt es jetzt für eine halbes Jahr – basta – Und dass in der restlichen Welt irgendwie dreißig Bürgerkriege seit 100 Jahren toben, interessiert uns heute mal weniger. – Da gäbe es vielleicht schon so Wünsche der Gewichtung meinerseits.
Fassette: Du sagst, du bist ein Kind, was nach dem Warum fragt. Das ist eine gewisse Unschuld, mit der man auf Themen trifft. Und diese ‘Warum kann so was sein?’-Fragen können sich auf bestimmte Dinge beziehen, auf bestimmte Formen von Menschlichkeit, auf Dinge, die wir über Menschen lernen, wenn wir uns Informationen durchlesen vielleicht.
Sebastian Ugowski: Dieses Kind das warum fragt, welches ich metaphorisch benutzt habe um genau diesen Aspekt zu skizzieren, ist aber in dem Falle eher ein “großes” Kind, das mit mehr Bewusstsein warum fragt. Zuerst ist es wirklich ein rein kindliches Erstaunen, wie z.B. die Frage: Warum schießen die sich da alle tot? Aber darüber hinaus fragt sich mein Bespiel-Kind: Warum passiert das alle Jahre wieder, warum gibt es dafür auch noch Experten, die das politisch und wissenschaftlich erklären und legitimieren? Wenn dort so argumentiert wird, könnte man ja auch jeden Mord letztendlich psychologisch oder auf irgendeine Art und Weise rechtfertigen. Das ist dann zwar immernoch kindliches Erstaunen, aber mit einer weiter gehenden Frage. In meinem Fall, weil ich glaube zu spüren, dass dieser Wald aus Analysen und Debatten nicht erklärt, sondern den Fakt verklärt, dass wir da uns gegenseitig ermorden.
Fassette: Ich möchte da gar kein negatives Menschenbild skizzieren: aber ich weiß nicht, ob es noch oft passiert, dass ein Leser einer Zeitung diesen Schritt zurückgeht und sagt: Warum passiert das eigentlich alles?
Sebastian Ugowski: Ich denk schon dass das sehr oft passiert. Nur dass sie auf die Fragen keine Antworten erhalten. Das ist genau das, was es manchmal braucht: diesen Schritt zurück, aber natürlich auch dann diesen Schritt nach vorn, Antworten, ne?
Fassette: Ok, das war ja schon sehr detailreich. Kurz noch: Was außer Fassette steht bei Dir zur Zeit auf dem Programm.
Sebastian Ugowski: Derzeit das Fertigstellen einer politischen Fernsehdokumentation, dann immernoch die Literaturverfilmung “Begegnungen – Die Farben des Regenbogens”. Das geht jetzt schon fast 2 Jahre. Dann “Wendekinder”, eine schriftliche Reflektion über meine Generation im geteilten und wiedervereinten Deutschland, das Skript “Spiegelmonologe” und ein weiteres Theaterstück, was sich grad in einer Revision befindet.
Fassette: Na das ist ja nicht grad wenig. Dann dank ich dir an dieser Stelle für das Interview. War doch garnicht so schlimm oder?
Sebastian Ugowski: Nein. Ich danke euch. So jetzt brauch ich aber erstmal eine Zigarette und ein Kaffee.
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Insgesamt - 3 - Kommentare zum Artikel
“Im Interview: Fassette Initiator, Sebastian Ugowski”
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Zitat: “Und dass in der restlichen Welt irgendwie dreißig Bürgerkriege seit 100 Jahren toben, interessiert uns heute mal weniger. – Da gäbe es vielleicht schon so Wünsche der Gewichtung meinerseits.”
Jepp, das ist genau was ich auch fragwürdig finde. Es gibt immer nur einzelne temporäre populäre Pressethemen, wo andere Themen untergehn. Dabei sollte es die Aufgabe der Presse sein, allen Themen unparteiisch das gleiche Gewicht zu geben.Ich glaube da auch manchmal dass das nicht ganz “demokratisch” zu geht in den großen Zeitungsredaktionen!
Toll zu lesen! Mein Eindruck von Ihnen als Herausgeber dieser tollen Zeitung bestätigte jetzt sich bei – im positiven Sinne gemeint!
Danke für das ausführliche Interview!
GRuß aus HH
klasse! tolles interview. wann kommt der film?